Gründungsjahr

Politik und Kultur in Bayern um die Jahrhundertwende

In Bayern regierte von 1886-1912 Prinzregent Luitpold als vorletzter Herrscher des Königreichs Bayern. In den gut 25 Jahren seiner Regentschaft geschah viel in Bayern: Die Schienenlänge der bayerischen Eisenbahnen verdoppelte sich nahezu, der Postbetrieb wurde verbessert, das bürgerliche Gesetzbuch wurde eingeführt, der Aufwand für die Volksschulen stieg von 30 auf 50 Millionen Mark, Schulen und Krankenhäuser wurden gebaut wie nie zuvor, Kunst und Bildung erfreuten sich verstärkter staatlicher Wertschätzung und Förderung, die Einwohnerzahlen von München und Nürnberg verdreifachten sich, Technisierung und Industrialisierung schritten rasch voran. Porzellan aus Selb, die Kugellagerfabrik von Fichtel und Sachs in Schweinfurt, Kältemaschinen von Linde sowie der Maschinenbauer Rudolf Diesel aus Augsburg wurden zu weltberühmten Namen.

In Bayern hatte sich mehr und mehr die später so genannte "süddeutsche Demokratie" manifestiert: Wer einmal Minister war und sich bewährte, blieb Jahrzehnte auf seinem Posten und wurde sozusagen zur festen Einrichtung.

Im Landtag hatten 1893 zwei neue Parteien Einzug gehalten: Die Sozialdemokraten und der Bauernbund. Insbesondere letzterer profitierte besonders vom zunehmenden Unmut über das dauernde Absinken der Vieh- und Getreidepreise und die wachsenden Lasten für Heer, Marine und die Sozialversicherungen.

Georg von Vollmar, Führer der Sozialdemokraten, beschrieb die Lage so: "In Bayern existieren erheblich geringere Einkommensunterschiede als andernwärts, weniger Luxus, weniger Bettelarmut....Infolgedessen und infolge des ausgeprägten demokratischen Gefühls ist geringerer Klassenhass, weniger gegenseitige Absperrung und Überhebung, aber Verkehr auf gleichem Fuße vorhanden. Hiermit hängen Charaktereigenschaften der Bajuwaren zusammen, bei ungebrochener Volkskraft Starrsinn, Steifnackigkeit, wenig Unternehmungsgeist und Profitgier, keine Spur von Unterwürfigkeit, Genussfreudigkeit, mäßige Arbeitslust. Hier regt sich noch ein kräftiges Bauernvolk...."

Wahlrecht hatten nur die Männer und davon wiederum nur jene, die seit mindestens einem Jahr Steuern zahlten. Sie wählten damals nicht direkt, sondern gaben ihre Stimme Wahlmännern.

Die absolute Mehrheit im bayerischen Landtag hatte seit 1869 das Zentrum, das sich mit dem Aufkommen der neuen Konkurrenten auch zunehmend um die Bauern bemühte. Dazu gründete man sog. Bauernvereine, die 1906 bereits an die 100 000 Mitglieder zählten.

Das Ende dieser Zeit und der Beginn einer neuen Zeit zeigte sich beispielhaft im kulturellen Leben Schwabings. 1896 gründete Albert Langen den Simplicissimus, 1909 malte Kandinski das erste abstrakte Bild, um 1900 entwickelt eine russische Emigrantengruppe um Lenin das Ideengebäude des Bolschewismus.